Mindestens einmal im Jahr steige ich von meiner Kirchturmsspitze herab, um Urlaub zu machen. Damit das nicht auffällt, schicke ich mein Double nach oben, denn was wäre der St. Georgsturm ohne Gockel? Vom Gockel zum Mensch geworden, ging es in diesem Jahr mit dem Wohnwagen besonders weit: nach Andalusien. Ein anspruchsvolles Programm lag vor uns: Cordoba, Sevilla, Ronda, Malaga und natürlich auch Granada.
Angesichts solch kultureller Vielfalt, dürfen zwei, oder drei Tage Badeurlaub eingeschoben werden. Der Campingführer weist bei Malaga einen Campingplatz aus nur 150 Meter vom Meer entfernt. Gesucht, gefunden und o Schreck! Direkt hinter der Leitplanke der Autobahn gelegen, die es mittels einer Fußgängerbrücke zu überqueren galt, um hinter einer 1000-Bettenburg zum Strand zu gelangen. Es war schon später Nachmittag. Keine Zeit mehr nach einem anderen Platz zu fahnden.
Der Platz selbst, dicht mit Platanen bestanden, deren Kronen bereits ineinander verwachsen waren, war zu 99 Prozent belegt. Gerade einen Stellplatz gab es für uns. Allerdings genügte ein Blick, um festzustellen, dass es sich bei den 99 Prozent um Dauercamper handelt, die sich bereits darauf eingerichtet haben, hier zu überwintern. Dicht an dicht gedrängt, waren Vorzelte und Caravans mit jenen dunkelgrünen Plastikplanen überspannt, die es, mit Ösen versehen, in jedem Baumarkt gibt. Zusätzlich, wohl damit keiner dem andern in die Suppe spuckt, waren solche Planen als hermetische Trennung auch senkrecht als Sichtschutzzaun von Nachbar zu Nachbar errichtet. Vermutlich ist OBI in Malaga in Sachen Planen und Spannleinen ausverkauft.
Der dichte Platanenbestand garantiert allen Campern in der Sommerhitze Andalusiens zwar besten Schatten, aber das dichte Blattwerk lässt nicht nur keine Sonne, sondern auch keine Strahlen für die Satellitenschüssel durch.
Um dennoch das geliebte heimische Fernsehprogramm empfangen zu können, stehen hinter dem Sanitärgebäude auf einem Grashügel Dutzende riesiger Satellitenschüsseln. Die Verbindung zu den Fernsehgeräten in den Wohnwagen und Vorzelten wird mittels hunderter von Kabeln hergestellt, die durch die Äste der Platanen gespannt sind.
Das Fernsehprogramm ist mehr für die Zeit nach 18 Uhr eingeplant. Tagsüber, eben von morgens bis gegen 18 Uhr, besteht der Tagesablauf aus Laubaufspießen. Das sieht wie folgt aus: Am Ende eines Besenstiels ist ein langer Nagel befestigt, womit Platanenblatt nach Platanenblatt aufgespießt wird, um den gefüllten Spieß in einen Plastiksack zu entleeren. Da die Blätter im Oktober minütlich fallen, ist so der Tagesablauf vorgegeben und gesichert.
Kaum mit Worten wiederzugeben, ist die nach der Straßenseite gestaltete Zeltstadt: Bepflanzungen in Hohlblocksteinen, Tineff vom Gartenzwerg bis zur Seejungfrau und die Vorzelte mit Clubcouch-Garnitur von altdeutsch bis Biedermeier. Dazu Mikrowelle, Waschmaschine, Gasherd. Kurzum, ein Einfamilienwohnhaus samt Vorgarten auf kleinstem Raum.
Unser Nachbar auf der anderen Straßenseite: ein Wohnmobil mit schwedischem Kennzeichen. Am Dachgepäckträger ist eine Schnur befestigt, die 2,50 Meter darüber über den Ast einer Platane geführt, am herabhängenden Teil eine 5 Liter Wasserflasche und mehrere 1 Literwasserflaschen hängen, die ihrerseits mit Kieselsteinen gefüllt sind. All unsere Überlegungen, wozu diese Konstruktion gut sein könnte, finden keine logische Erklärung.
Diese erhalten wir am frühen Abend: Viele Vögel haben sich vor dem Schlafengehen zum Palaver in den Zweigen der Platanen versammelt. Irgendwo in der Nachbarschaft ertönt ein Knall, wie wir Pfälzer ihn von den Starenschussapparaten her kennen. Die Vögel fliegen hoch und setzen sich sofort wieder auf die Zweige, um weiter zu palavern, aber diesmal über dem Wohnmobil mit dem schwedischen Kennzeichen. Jetzt kommt der Schwede auf den Plan. Er besteigt die Leiter zum Dach seines Wohnmobils, zerrt heftig und mehrmals an der Schnur, so dass die Kieselsteine in den Plastikflaschen ein klapperndes Geräusch erzeugen. Das Kichern der Vögel war deutlich vernehmbar, bevor sie ihr Palaver fortsetzten.
Schlagworte: Bienwald, Georgsturm, Gockel, Kandel, Kolumne